Presse

Ärztemangel - Ergebnisse der Klinikbefragung im Land Brandenburg. Ursachen und Hinweise.

[20.10.2001] Aktuelle Stellensituation in brandenburgischen Kliniken

Hintergrund ist der sich in den neuen Bundesländern verstärkende Mangel von Ärztinnen und Ärzten nicht nur im niedergelassenen Bereich. Auch in Kliniken können AiP-, Weiterbildungs-, Fach- und Oberarztstellen zunehmend nicht mehr besetzt werden.

Dies bedeutet eine enorme zusätzliche Arbeitsbelastung für die Kolleginnen und Kollegen im täglichen Dienst. Die Folge sind häufig Verstöße der Kliniken gegen das bestehende Arbeitszeitgesetz.

Zur Erläuterung:

Der europäische Gerichtshof hat am 03.10.2000 eine Entscheidung gefällt, wonach - bezogen auf spanisches Recht - Bereitschaftsdienst im Krankenhaus als Arbeitszeit zu werten ist. Diese Entscheidung verursachte erhebliche Unruhe, da nach dem deutschen Arbeitszeitgesetz Bereitschaftsdienst eben gerade nicht als Arbeitszeit gewertet wird.

Der 104. Deutsche Ärztetag vom Mai 2001 in Ludwigshafen hat unter anderem einstimmig die Arbeitgeber von Bund, Ländern und Gemeinden aufgefordert, unverzüglich Tarifverhandlungen über krankenhausspezifische Arbeitszeitregelungen aufzunehmen und sich hierbei den zwingenden Vorgaben aus Europa nicht länger zu entziehen. Die Umsetzung lässt noch immer auf sich warten.

Um sich einen Überblick über die aktuelle Situation im Land Brandenburg zu verschaffen, führte die Landesärztekammer Brandenburg Ende Juni 2001 eine interne Umfrage an brandenburgischen Kliniken durch. Dazu wurden die Leiter von 83 medizinischen und administrativen Einrichtungen (LVA und BfA) im Land Brandenburg mit Bitte um Auskunft angeschrieben.

Ziel war es herauszufinden, ob und welche ärztlichen Stellen vakant sind und ob der Sicherstellungsauftrag gefährdet oder über eine Kompensierung im Rahmen der stationären Versorgung möglich ist.

Umfrageergebnisse

Von den 83 angeschriebenen Einrichtungen antworteten insgesamt 71 - 68 davon schriftlich, drei meldeten sich telefonisch bei der LÄK zurück. Dies entspricht einer Rücklaufquote von 85,5 Prozent, was auch auf die Dringlichkeit der angesprochenen Probleme schließen lässt. Damit kann das Umfrageergebnis als durchaus repräsentativ angesehen werden.

Zu den Ergebnissen:

Die vakanten Stellen lassen sich nach Auszählung konkret mit 106 beziffern.

Es ist aber davon auszugehen, dass deren Zahl wesentlich höher liegt - vor allem, weil freie Stellen offenbar nicht in allen Fällen mit genauen Zahlen belegt werden konnten.

Im Einzelnen ergibt sich folgendes Bild:

  • vakante AiP-Stellen: mindestens 36
    Mindestens deshalb, da von etwa der Hälfte der befragten Kliniken mehrere freie AiP-Stellen angegeben wurden.
    In diesen Fällen gehen wir von mindestens zwei Fehlstellen aus - jedoch liegt auch hier die Zahl wahrscheinlich um ein Vielfaches höher.
    So sind in einem größeren Klinikum in Brandenburg nach Auskunft des Ärztlichen Direktors AiP-Stellen „so gut wie gar nicht verfügbar".
  • vakante Weiterbildungsassistenten-Stellen: 40
    Dabei handelt es sich auch hier wieder um eine Mindestangabe: Mehrere angegebene freie WB-Stellen wurden in der Auswertung mit mindestens zwei Fehlstellen berücksichtigt.
    Besonders betroffen sind davon: Psychiatrie, Chirurgie, Kardiologie, Gynäkologie.
  • vakante Facharzt-Stellen: mindestens 55, davon sind 9 Oberärzte
    Auch hier haben besonders die Chirurgie und die Psychiatrie mit nicht besetzten Facharzt-Stellen zu kämpfen. Leider war das Zuordnen zu den einzelnen Fachrichtungen nicht immer möglich.

Versuche, den akuten Personalmangel durch eine Kompensierung im Rahmen der stationären Versorgung wettzumachen, stoßen zwangsläufig schnell an ihre Grenzen.
Immer wieder ist von steigender Belastung der Kollegen besonders in der Urlaubszeit, hoher Dienstfrequenz, zunehmendem Überstundenaufkommen und Nichteinhaltung von Arbeitszeitgesetz und BAT die Rede. Zwangsläufige Konsequenzen: Qualitätsverlust in der täglichen Arbeit und lange Wartezeiten bei den Patienten.

Zusammenfassung

Es gibt kaum Einrichtungen im Land Brandenburg, die keinen Personalmangel beklagen.

Besonders deutlich werden folgende Probleme:

  • an erster Stelle: keine oder kaum Bewerbungen von AiP
  • mangelnde Reaktionen auf Annoncen, insbesondere bei Fachärzten
  • Überbelastung, hohe Fluktuation
  • alles in allem: mühsame Stellenbesetzung

Dazu nur zwei prägnante Beispiele:

In einer Reha-Klinik wird 2002 die Stelle von Chefarzt und Oberarzt vakant - Bemühungen um Nachfolger blieben bisher erfolglos.
In einem anderen Reha-Zentrum greift man inzwischen gar auf die Dienste einer Personalvermittlungsfirma zurück.

Ursachen:

Der Landesärztekammerpräsident Dr. U. Wolter hebt hervor, dass es an der Ausstattung der Krankenhäuser und der Praxen nicht liegen kann. Diese sind fast alle nach 1990 auf den neuesten Stand gebracht worden und bieten sicher die z. Z. modernste Technik und Ausstattung.

  • Immer weniger Ärztinnen und Ärzte sind bereit, die ständige Verschlechterung der Arbeitsbedingungen durch ernorme Arbeitsbelastungen und Nichteinhaltung des Arbeitszeitgesetzes und die damit verbundenen vielen Überstunden und Bereitschaftsdienste in den Kliniken hinzunehmen.
  • Klinikärzte in Brandenburg haben etwa im Vergleich zu Berlinern nur 68 % BAT-Verdienst, aber eine 40 Stunden-Woche statt 38 Stunden, betont Dr. U. Wolter. Hier seien noch nicht überall blühende Länder.
  • Als Ursache wird häufig auch die unzureichende Infrastruktur in ländlichen Gebieten bzw. Kleinstädten im Osten angegeben.
  • Man kann sich als Arzt oder Ärztin die Stellenangebote aussuchen. Wer wählen kann, geht in den Westen der Republik oder gleich ins Ausland.
  • Weitere Gründe sieht Dr. U. Wolter in der Propagierung alternativer Berufsfelder, die in Zeiten der Ärzteschwemme den Kolleginnen und Kollegen offeriert wurden. Die Nischen könnten jetzt nicht einfach wieder geschlossen werden. Der Arzt ist jetzt nicht mehr nur entweder im Krankenhaus oder in der Niederlassung tätig, er kann Stellen in der Industrie, in der Verwaltung inkl. MDK usw. besetzen. Er nutzt das.
  • Erschwerend wirkt, dass eine Bedarfsplanung weder durch die Ministerien noch durch die Krankenhausgesellschaft existiert.

Abhilfe sieht Präsident Dr. U. Wolter darin, dass die Kammern bei bestehender Auslandswerbung und Besetzung alternativer Berufsfelder die Werbung für die eigenen Bereiche intensivieren. Weiterhin müssen sicher auch finanzielle Anreize geschaffen werden.
Er schlägt den Krankenhausträgern vor, mit Hilfe der Kammer, ihre Krankenhäuser als moderne Medizineinrichtung vorzustellen. Die Tatsache, dass man in den neuen Bundesländern unter modernen Bedingungen arbeiten und lernen kann, muss klarer herausgestellt werden.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg weist darauf hin, dass sie bundesweit die niedrigste Arztdichte hat. Diejenigen Ärztinnen und Ärzte, die ihre Praxen abgeben möchten, haben bereits große Schwierigkeiten.
Bei den niedergelassenen Fachärzten gibt es z. T. erhebliche Wachstumsraten seit 1995. Rückläufig war die Zahl der Kinderärzte.

Die Brandenburger Hausärzte sind überaltert. Fast 60 % der 1.050 niedergelassenen Fachärzte für Allgemeinmedizin haben das fünfzigste Lebensjahr überschritten.
Von den knapp 1.400 Allgemeinmedizinern und Praktikern hatten Ende 1999 20 % das sechzigste Lebensjahr überschritten.

Zum Jahresende waren ca. 130 Hausarztpraxen verwaist.
Die Zahl der bei der Landesärztekammer Brandenburg abgeschlossenen Facharztprüfungen Allgemeinmedizin ist stark rückläufig: 1998 - 19, 1999 - 31, 2000 - 15, 2001 - 17.

Achtungszeichen: Präsident Dr. U. Wolter macht darauf aufmerksam, dass der Sicherstellungsauftrag sowohl stationär als auch ambulant gegenwärtig zwar noch nicht gefährdet ist, die Arbeitsbelastung der Kolleginnen und Kollegen jedoch durch diesen Ärztemangel deutlich zunimmt. Einige Kliniken sehen den personellen Zustand einzelner Abteilungen aber äußerst kritisch.

Politik befördert  Ärztemangel

Zu den im Gesetz ausgewiesenen Selbstverwaltungsaufgaben der Kammer gehört es, die beruflichen Belange der Gesamtheit ihrer Angehörigen wahrzunehmen und das unter Beachtung der Interessen der Allgemeinheit. Diese Aufgabe wird den Selbstverwaltungsorganen durch Mängel in der Politik immer schwieriger gemacht.

Besonders hebt sich hier die Politik auf dem Arbeitsmarkt heraus, die mittlerweile auch voll den ärztlichen Bereich erfasst hat. Erhöhten sich die Zugänge berufstätiger Ärzte in den Jahren 1991 bis 1996 noch zwischen 5.500 und 8.000 jährlich, so betrugen sie zwischen 1997 und 2001 nur noch zwischen 3.400 und 4.300 Ärztinnen und Ärzte bundesweit.

Freie Stellen in der Niederlassung und im Krankenhaus

Im Ergebnis waren dadurch im Land Brandenburg im Jahr 2001 über 130 Hausarztpraxen nicht besetzt. Die Zahl der Allgemeinmediziner/Praktiker sank von 1995 bis 2000 in Brandenburg um 3,9 % (im Bundesdurchschnitt um 0,1 %).

Das führte dazu, dass der Hausarztversorgungsgrad

  • in der Uckermark bei 38,2 %,
  • im Spree-Neiße-Kreis bei 78,1 %,
  • und im Kreis Oberspreewald Lausitz bei 89,1 % liegt.

Hinzu kommt, dass die Brandenburger Hausärzte im höheren Lebensalter tätig sind. Fast 60 % der niedergelassenen Fachärzte für Allgemeinmedizin haben das 50ste Lebensjahr überschritten. Viele finden aber keinen Nachfolger.
Auch für den stationären Bereich hat die Suche nach Fachärzten in den Anzeigen der Fachblätter im Jahr 2001 gegenüber den Vorjahren stark zugenommen. Das betrifft vor allem Stellen für Oberarztpositionen und gerade fertig gewordene Fachärzte.
Besonders die Ausschreibungen in der Pädiatrie, Chirurgie, Radiologie und in der Gynäkologie bezogen auf ganz Deutschland haben sich vermehrt.

Ärzteknappheit - Ausbeutung junger Ärztinnen und Ärzte

Zum Problem "Ärzteknappheit" und "Situation der jungen Kolleginnen und Kollegen" laufen in der Landesärztekammer ständig Anfragen, Hinweise und Beschwerden ein. Der Präsident Dr. U. Wolter macht darauf aufmerksam, dass gerade in den neuen Bundesländern dieses Thema in den kommenden Jahren mehr Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen wird als vielleicht bei den Kollegen in den alten Bundesländern, da im Osten Deutschlands es schneller zu einer merkbaren Ärzteknappheit gekommen ist. Ausbeutung kann nur dann richtig greifen, wenn man sich Arbeitskräfte vom Arbeitsmarkt bedenkenlos einkaufen kann. Die billige Arbeitskraft "Arzt" ist aber auf dem freien Arbeitsmarkt im Osten nicht mehr wie noch vor Jahren erhältlich.

Politik, Arbeitgeber – vor allem im Krankenhausbereich – und natürlich auch die Presse stehen verwundert vor diesem Phänomen. War es doch zu einfach, die Ärzteschaft zu gängeln, zu beleidigen, ungerechtfertigt an den Pranger zu stellen. Schwarze Schafe gibt es überall.

Aber es gibt sie in der Ärzteschaft auch nicht häufiger als in der Politik, bei den Krankenkassen, dem Krankenhausmanagement oder anderen Berufen, wie gerade die jüngste Vergangenheit eindeutig gezeigt hat.
Dr. U. Wolter wies darauf hin, dass in deutschen Krankenhäusern immer weniger Ärzte und Pflegekräfte immer mehr Patienten betreuen, deren Aufenthaltsdauer aber immer kürzer wird. Das Statistische Bundesamt teilte mit, dass die Beschäftigtenzahl im Gesundheitswesen 1999 mit rund 1,14 Millionen Personen den tiefsten Stand seit der gesamtdeutschen Erhebung 1991 erreichte. Daneben aber stieg die Zahl der Patienten um 17 % auf 16,3 Millionen. Die Verweildauer sank um 29 %, von 14,6 Tagen auf 10,4 Tage.

Regelung der Arbeitszeit

Zweifellos stieg damit die Arbeitsbelastung der Beschäftigten extrem an. Von Seiten der Politik wird hier nicht gegengesteuert. Hinzu kommen neue Bürokratie, Einführung moderner Methoden im Gesundheitswesen zum Nulltarif im Osten und immer weniger Ärzte. Die Konsequenzen sind zunehmende Ausbeutung gerade junger Kolleginnen und Kollegen und groteske Missachtung des Arbeitszeitgesetzes.

Präsident Dr. U. Wolter forderte von den Verantwortlichen in der Politik unverzüglich zu reagieren. Er ruft die Kolleginnen und Kollegen vor Ort auf, für die Umsetzung des jetzt schon rechtskräftigen Arbeitszeitgesetzes einzutreten. Nur wenn die Arbeitszeiten geregelt werden, wird die Arbeitsbelastung der Beschäftigten im Gesundheitswesen geringer. Um diese Aufgaben zu erfüllen, brauchen wir mehr Ärzte.

Voraussetzung ist, dass im Osten eine sofortige Beseitigung des Tarifgefälles erfolgt. Wir benötigen die Angleichung der Löhne und Gehälter nicht irgendwann in zwanzig Jahren, sondern jetzt.
Er ruft die brandenburgische Ärzteschaft auf, der Landesärztekammer zu helfen, diese Ungleichheit zu beseitigen. Er selbst versucht in ernsten Gesprächen auf diesen Missstand hinzuweisen und ihn abzustellen. Dieses Problem hat er z. Z. bei der Landesärztekammer an erste Stelle gesetzt.

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