Hintergrund ist der sich in den neuen Bundesländern
verstärkende Mangel von Ärztinnen und Ärzten nicht nur im niedergelassenen Bereich.
Auch in Kliniken können AiP-, Weiterbildungs-, Fach- und Oberarztstellen zunehmend nicht
mehr besetzt werden.
Dies bedeutet eine enorme zusätzliche Arbeitsbelastung für die Kolleginnen und Kollegen
im täglichen Dienst. Die Folge sind häufig Verstöße der Kliniken gegen das bestehende
Arbeitszeitgesetz.
Zur Erläuterung:
Der europäische Gerichtshof hat am 03.10.2000 eine
Entscheidung gefällt, wonach - bezogen auf spanisches Recht - Bereitschaftsdienst im
Krankenhaus als Arbeitszeit zu werten ist. Diese Entscheidung verursachte erhebliche
Unruhe, da nach dem deutschen Arbeitszeitgesetz Bereitschaftsdienst eben gerade nicht als
Arbeitszeit gewertet wird.
Der 104. Deutsche Ärztetag vom Mai 2001 in Ludwigshafen hat unter anderem einstimmig die
Arbeitgeber von Bund, Ländern und Gemeinden aufgefordert, unverzüglich
Tarifverhandlungen über krankenhausspezifische Arbeitszeitregelungen aufzunehmen und sich
hierbei den zwingenden Vorgaben aus Europa nicht länger zu entziehen. Die Umsetzung
lässt noch immer auf sich warten.
Um sich einen Überblick über die aktuelle Situation im Land Brandenburg zu verschaffen,
führte die Landesärztekammer Brandenburg Ende Juni 2001 eine interne Umfrage an
brandenburgischen Kliniken durch. Dazu wurden die Leiter von 83 medizinischen und
administrativen Einrichtungen (LVA und BfA) im Land Brandenburg mit Bitte um Auskunft
angeschrieben.
Ziel war es herauszufinden, ob und welche ärztlichen Stellen vakant sind und ob der
Sicherstellungsauftrag gefährdet oder über eine Kompensierung im Rahmen der stationären
Versorgung möglich ist.
Umfrageergebnisse
Von den 83 angeschriebenen Einrichtungen antworteten
insgesamt 71 - 68 davon schriftlich, drei meldeten sich telefonisch bei der LÄK zurück.
Dies entspricht einer Rücklaufquote von 85,5 Prozent, was auch auf die Dringlichkeit der
angesprochenen Probleme schließen lässt. Damit kann das Umfrageergebnis als durchaus
repräsentativ angesehen werden.
Zu den Ergebnissen:
Die vakanten Stellen lassen sich nach Auszählung konkret mit 106
beziffern.
Es ist aber davon auszugehen, dass deren Zahl wesentlich höher liegt -
vor allem, weil freie Stellen offenbar nicht in allen Fällen mit genauen Zahlen belegt
werden konnten.
Im Einzelnen ergibt sich folgendes Bild:
- vakante AiP-Stellen: mindestens 36
Mindestens deshalb, da von etwa der Hälfte der befragten Kliniken mehrere freie
AiP-Stellen angegeben wurden.
In diesen Fällen gehen wir von mindestens zwei Fehlstellen aus - jedoch liegt auch hier
die Zahl wahrscheinlich um ein Vielfaches höher.
So sind in einem größeren Klinikum in Brandenburg nach Auskunft des Ärztlichen
Direktors AiP-Stellen so gut wie gar nicht verfügbar".
- vakante Weiterbildungsassistenten-Stellen: 40
Dabei handelt es sich auch hier wieder um eine Mindestangabe: Mehrere angegebene freie
WB-Stellen wurden in der Auswertung mit mindestens zwei Fehlstellen berücksichtigt.
Besonders betroffen sind davon: Psychiatrie, Chirurgie, Kardiologie, Gynäkologie.
- vakante Facharzt-Stellen: mindestens 55, davon sind 9 Oberärzte
Auch hier haben besonders die Chirurgie und die Psychiatrie mit nicht besetzten
Facharzt-Stellen zu kämpfen. Leider war das Zuordnen zu den einzelnen Fachrichtungen
nicht immer möglich.
Versuche, den akuten Personalmangel durch eine Kompensierung im
Rahmen der stationären Versorgung wettzumachen, stoßen zwangsläufig schnell
an ihre Grenzen.
Immer wieder ist von steigender Belastung der Kollegen besonders in der Urlaubszeit, hoher
Dienstfrequenz, zunehmendem Überstundenaufkommen und Nichteinhaltung von
Arbeitszeitgesetz und BAT die Rede. Zwangsläufige Konsequenzen: Qualitätsverlust in der
täglichen Arbeit und lange Wartezeiten bei den Patienten.
Zusammenfassung
Es gibt kaum Einrichtungen im Land Brandenburg, die keinen Personalmangel
beklagen.
Besonders deutlich werden folgende Probleme:
- an erster Stelle: keine oder kaum Bewerbungen von AiP
- mangelnde Reaktionen auf Annoncen, insbesondere bei Fachärzten
- Überbelastung, hohe Fluktuation
- alles in allem: mühsame Stellenbesetzung
Dazu nur zwei prägnante Beispiele:
In einer Reha-Klinik wird 2002 die Stelle von Chefarzt und Oberarzt
vakant - Bemühungen um Nachfolger blieben bisher erfolglos.
In einem anderen Reha-Zentrum greift man inzwischen gar auf die Dienste einer
Personalvermittlungsfirma zurück.
Ursachen:
Der Landesärztekammerpräsident Dr.
U. Wolter hebt hervor, dass es an der Ausstattung der Krankenhäuser und der Praxen nicht
liegen kann. Diese sind fast alle nach 1990 auf den neuesten Stand gebracht worden und
bieten sicher die z. Z. modernste Technik und Ausstattung.
- Immer weniger Ärztinnen und Ärzte sind bereit, die ständige Verschlechterung der
Arbeitsbedingungen durch ernorme Arbeitsbelastungen und Nichteinhaltung des
Arbeitszeitgesetzes und die damit verbundenen vielen Überstunden und Bereitschaftsdienste
in den Kliniken hinzunehmen.
- Klinikärzte in Brandenburg haben etwa im Vergleich zu Berlinern nur 68 % BAT-Verdienst,
aber eine 40 Stunden-Woche statt 38 Stunden, betont Dr. U. Wolter. Hier seien noch nicht
überall blühende Länder.
- Als Ursache wird häufig auch die unzureichende Infrastruktur in ländlichen Gebieten
bzw. Kleinstädten im Osten angegeben.
- Man kann sich als Arzt oder Ärztin die Stellenangebote aussuchen. Wer wählen kann,
geht in den Westen der Republik oder gleich ins Ausland.
- Weitere Gründe sieht Dr. U. Wolter in der Propagierung alternativer Berufsfelder, die
in Zeiten der Ärzteschwemme den Kolleginnen und Kollegen offeriert wurden. Die Nischen
könnten jetzt nicht einfach wieder geschlossen werden. Der Arzt ist jetzt nicht mehr nur
entweder im Krankenhaus oder in der Niederlassung tätig, er kann Stellen in der
Industrie, in der Verwaltung inkl. MDK usw. besetzen. Er nutzt das.
- Erschwerend wirkt, dass eine Bedarfsplanung weder durch die Ministerien noch durch die
Krankenhausgesellschaft existiert.
Abhilfe sieht Präsident Dr. U. Wolter darin,
dass die Kammern bei bestehender Auslandswerbung und Besetzung alternativer Berufsfelder
die Werbung für die eigenen Bereiche intensivieren. Weiterhin müssen sicher auch
finanzielle Anreize geschaffen werden.
Er schlägt den Krankenhausträgern vor, mit Hilfe der Kammer, ihre Krankenhäuser als
moderne Medizineinrichtung vorzustellen. Die Tatsache, dass man in den neuen
Bundesländern unter modernen Bedingungen arbeiten und lernen kann, muss klarer
herausgestellt werden.
Auch die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg weist
darauf hin, dass sie bundesweit die niedrigste Arztdichte hat. Diejenigen Ärztinnen und
Ärzte, die ihre Praxen abgeben möchten, haben bereits große Schwierigkeiten.
Bei den niedergelassenen Fachärzten gibt es z. T. erhebliche Wachstumsraten seit 1995.
Rückläufig war die Zahl der Kinderärzte.
Die Brandenburger Hausärzte sind überaltert. Fast 60 % der 1.050 niedergelassenen
Fachärzte für Allgemeinmedizin haben das fünfzigste Lebensjahr überschritten.
Von den knapp 1.400 Allgemeinmedizinern und Praktikern hatten Ende 1999 20 % das
sechzigste Lebensjahr überschritten.
Zum Jahresende waren ca. 130 Hausarztpraxen verwaist.
Die Zahl der bei der Landesärztekammer Brandenburg abgeschlossenen Facharztprüfungen
Allgemeinmedizin ist stark rückläufig: 1998 - 19, 1999 - 31, 2000 - 15, 2001 - 17.
Achtungszeichen: Präsident Dr. U. Wolter macht
darauf aufmerksam, dass der Sicherstellungsauftrag sowohl stationär als auch ambulant
gegenwärtig zwar noch nicht gefährdet ist, die Arbeitsbelastung der Kolleginnen und
Kollegen jedoch durch diesen Ärztemangel deutlich zunimmt. Einige Kliniken sehen den
personellen Zustand einzelner Abteilungen aber äußerst kritisch.
Politik
befördert Ärztemangel
Zu den im Gesetz ausgewiesenen
Selbstverwaltungsaufgaben der Kammer gehört es, die beruflichen Belange der Gesamtheit
ihrer Angehörigen wahrzunehmen und das unter Beachtung der Interessen der Allgemeinheit.
Diese Aufgabe wird den Selbstverwaltungsorganen durch Mängel in der Politik immer
schwieriger gemacht.
Besonders hebt sich hier die Politik auf dem Arbeitsmarkt heraus, die mittlerweile auch
voll den ärztlichen Bereich erfasst hat. Erhöhten sich die Zugänge berufstätiger
Ärzte in den Jahren 1991 bis 1996 noch zwischen 5.500 und 8.000 jährlich, so betrugen
sie zwischen 1997 und 2001 nur noch zwischen 3.400 und 4.300 Ärztinnen und Ärzte
bundesweit.
Freie Stellen
in der Niederlassung und im Krankenhaus
Im Ergebnis waren dadurch im Land Brandenburg im Jahr
2001 über 130 Hausarztpraxen nicht besetzt. Die Zahl der Allgemeinmediziner/Praktiker
sank von 1995 bis 2000 in Brandenburg um 3,9 % (im Bundesdurchschnitt um 0,1 %).
Das führte dazu, dass der Hausarztversorgungsgrad
- in der Uckermark bei 38,2 %,
- im Spree-Neiße-Kreis bei 78,1 %,
- und im Kreis Oberspreewald Lausitz bei 89,1 % liegt.
Hinzu kommt, dass die Brandenburger Hausärzte im höheren Lebensalter tätig sind.
Fast 60 % der niedergelassenen Fachärzte für Allgemeinmedizin haben das 50ste Lebensjahr
überschritten. Viele finden aber keinen Nachfolger.
Auch für den stationären Bereich hat die Suche nach Fachärzten in den Anzeigen der
Fachblätter im Jahr 2001 gegenüber den Vorjahren stark zugenommen. Das betrifft vor
allem Stellen für Oberarztpositionen und gerade fertig gewordene Fachärzte.
Besonders die Ausschreibungen in der Pädiatrie, Chirurgie, Radiologie und in der
Gynäkologie bezogen auf ganz Deutschland haben sich vermehrt.
Ärzteknappheit
- Ausbeutung junger Ärztinnen und Ärzte
Zum Problem "Ärzteknappheit" und
"Situation der jungen Kolleginnen und Kollegen" laufen in der Landesärztekammer
ständig Anfragen, Hinweise und Beschwerden ein. Der Präsident Dr. U. Wolter macht darauf
aufmerksam, dass gerade in den neuen Bundesländern dieses Thema in den kommenden Jahren
mehr Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen wird als vielleicht bei den Kollegen in den alten
Bundesländern, da im Osten Deutschlands es schneller zu einer merkbaren Ärzteknappheit
gekommen ist. Ausbeutung kann nur dann richtig greifen, wenn man sich Arbeitskräfte vom
Arbeitsmarkt bedenkenlos einkaufen kann. Die billige Arbeitskraft "Arzt" ist
aber auf dem freien Arbeitsmarkt im Osten nicht mehr wie noch vor Jahren erhältlich.
Politik, Arbeitgeber vor allem im Krankenhausbereich und natürlich auch die
Presse stehen verwundert vor diesem Phänomen. War es doch zu einfach, die Ärzteschaft zu
gängeln, zu beleidigen, ungerechtfertigt an den Pranger zu stellen. Schwarze Schafe gibt
es überall.
Aber es gibt sie in der Ärzteschaft auch nicht häufiger als in der Politik, bei den
Krankenkassen, dem Krankenhausmanagement oder anderen Berufen, wie gerade die jüngste
Vergangenheit eindeutig gezeigt hat.
Dr. U. Wolter wies darauf hin, dass in deutschen Krankenhäusern immer weniger Ärzte und
Pflegekräfte immer mehr Patienten betreuen, deren Aufenthaltsdauer aber immer kürzer
wird. Das Statistische Bundesamt teilte mit, dass die Beschäftigtenzahl im
Gesundheitswesen 1999 mit rund 1,14 Millionen Personen den tiefsten Stand seit der
gesamtdeutschen Erhebung 1991 erreichte. Daneben aber stieg die Zahl der Patienten um 17 %
auf 16,3 Millionen. Die Verweildauer sank um 29 %, von 14,6 Tagen auf 10,4 Tage.
Regelung der
Arbeitszeit
Zweifellos stieg damit die Arbeitsbelastung der
Beschäftigten extrem an. Von Seiten der Politik wird hier nicht gegengesteuert. Hinzu
kommen neue Bürokratie, Einführung moderner Methoden im Gesundheitswesen zum Nulltarif
im Osten und immer weniger Ärzte. Die Konsequenzen sind zunehmende Ausbeutung gerade
junger Kolleginnen und Kollegen und groteske Missachtung des Arbeitszeitgesetzes.
Präsident Dr. U. Wolter forderte von den Verantwortlichen in der Politik unverzüglich zu
reagieren. Er ruft die Kolleginnen und Kollegen vor Ort auf, für die Umsetzung des jetzt
schon rechtskräftigen Arbeitszeitgesetzes einzutreten. Nur wenn die Arbeitszeiten
geregelt werden, wird die Arbeitsbelastung der Beschäftigten im Gesundheitswesen
geringer. Um diese Aufgaben zu erfüllen, brauchen wir mehr Ärzte.
Voraussetzung ist, dass im Osten eine sofortige Beseitigung des Tarifgefälles erfolgt.
Wir benötigen die Angleichung der Löhne und Gehälter nicht irgendwann in zwanzig
Jahren, sondern jetzt.
Er ruft die brandenburgische Ärzteschaft auf, der Landesärztekammer zu helfen, diese
Ungleichheit zu beseitigen. Er selbst versucht in ernsten Gesprächen auf diesen Missstand
hinzuweisen und ihn abzustellen. Dieses Problem hat er z. Z. bei der Landesärztekammer an
erste Stelle gesetzt.
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