Kurzer Rückblick zum Jahreswechsel auf die vergangenen Monate.
Wie beurteilen Sie die Entwicklungen in der Gesundheitspolitik - z.B. die Auswirkungen der am 1. April in Kraft
getretenen Gesundheitsreform oder aber die aktuelle Diskussion um den Krankenhausbettenabbau?
Die Auswirkungen der Gesundheitsreform kann man im Moment noch nicht spüren. Die meisten Punkte, die festgelegt worden sind, greifen erst 2008 oder 2009. Deswegen lässt sich die Entwicklung nicht vorhersagen.
Für mich interessant ist allerdings eine Studie unter der Bevölkerung, in der nach ihrer Zufriedenheit mit dem deutschen Gesundheitswesen gefragt wurde. Es ist doch tragisch, wenn viele jetzt schon der Meinung sind, das Gesundheitswesen hat sich verschlechtert, obwohl die Gesundheitsreform noch gar nicht greift. Was den Bettenabbau in den Krankenhäusern betrifft, so ist es für mich nicht nachvollziehbar, wenn den Brandenburgern zu der schlechten ambulanten Versorgung nun auch noch die Krankenhausbetten genommen werden - obwohl wir
schon im Vergleich zu anderen Ländern die wenigsten haben.
Im Vergleich zu 2006 war 2007 ein protestfreies Jahr, obwohl die Ärzteschaft ihre erklärten Ziele nicht in dem Maße durchsetzen
konnte, wie gewollt. Was sind die Gründe dafür?
Die Protestaktionen im Jahr 2006 haben gezeigt, dass die Ärzteschaft eine inhomogene Struktur hat. Im Prinzip ist die Aktion in
der brandenburgischen Kammerversammlung zur Gemeindeschwester auch eine Protestaktion, da wir uns in zwei Versammlungen
mit der Thematik auseinander gesetzt und dagegen protestiert haben. Wir sind nur nicht auf die Straße gegangen, weil wir gesehen
haben, dass auf die Proteste 2006 nicht reagiert wurde und die Effizienz der Aktionen nicht gegeben war. Damals haben sich uns teilweise die eigenen Kollegen in den Weg gestellt, die vor Ort ihre Praxen an sprechstundenfreien Zeiten übermäßig lange
offen gelassen haben. So hat der Patient selbst gar nicht gemerkt, dass ein Protest stattfindet. Mich hat geärgert, dass die Solidarität
unter einigen Ärzten fehlte. Die Patientenversorgung war besser als vorher. Deswegen müssen wir überlegen, ob man andere Formen des Protestes wählt.
Eine große Umfrage des Marburger Bundes hat ans Tageslicht gebracht, dass fast jeder zweite Mediziner im Krankenhaus
einen anderen Job wählen würde, wenn er noch einmal vor der Wahl stünde, oder aber gar das Land verlassen. Worin liegen
Ihrer Ansicht nach die Ursachen für die Entwicklung?
Diese Tendenz ist schon länger zu spüren
und das hängt damit zusammen, dass der
Arztberuf immer unattraktiver wird - auch
weil er von der Politik zerredet wird. Das
geht nur so lange gut, bis sich die Bevölkerung
von der gesundheitlichen Versorgung
abgegrenzt fühlt. Auch der immer stärker
werdende Internationalismus spielt eine wesentliche
Rolle. Dadurch, dass Deutschland
in seiner Forschung und Wissenschaft rückläufig
war, gingen Akademiker, speziell Ärzte,
ins Ausland und versuchten, dort ihr
Glück zu machen. Und siehe da: Medizin
wird in anderen Ländern ärztefreundlicher
gemacht: Dort steckt der Patient zurück und
nicht der Arzt. Diese Bewegungen lassen
sich in den Ärztestatistiken der vergangenen
Jahre gut nachvollziehen. Außerdem kommen
die Auswirkungen der Sparpolitik im
Gesundheitswesen dazu. Auf diese ganzen
Entwicklungen sind wir nicht eingestellt. Wir können Krankenhäuser nicht von heute auf
morgen zu Teamarbeitsplätzen umwandeln
und wir kriegen die Weiterbildung nicht mit
Mentorentätigkeit gestaltet. Das ist ein Prozess,
der wahrscheinlich zehn Jahre dauert.
Aber das Fortschreiten des Ärztemangels
geht immer schneller, weil die Leute sich jetzt
entscheiden und nicht erst in zehn Jahren.
Gibt es aus Ihrer Sicht Ansätze der Politik, den Ärztemangel anzugehen?
Nein, von der Seite haben
wir gar keine Unterstützung zu erwarten.
Frau Schmidt ist nach wie vor der Meinung,
in Deutschland gäbe es genügend Ärzte.
Richtig ist, dass die Zahl der Ärzte zunimmt,
aber es werden auch mehr Mediziner gebraucht
- besonders in den Krankenhäusern.
Dazu müssen diese Aufgaben bewältigen,
die in den Bereich der arztfremden Leistungen
fallen, wie DRG-Verschlüsselung etc.
Was die Kammer im Jahr 2007 besonders
beschäftigt hat, war der Neubau an
der Geschäftsstelle. Wie zufrieden sind Sie
mit dem Verlauf der Arbeiten?
Der Neubau gefällt mir sehr gut und der geplante Termin der Fertigstellung wurde eingehalten. Wir konnten bereits unsere Weihnachtsfeier in den neuen Räumen begehen. Die Arbeitsbedingungen durch den nun zur Verfügung stehenden Platz haben sich
enorm verbessern.
Was wird auf die Kammer im kommenden Jahr zukommen?
Die Wahlen stehen 2008 im Mittelpunkt.
Schließlich wissen wir nicht, was passiert. Es
wird sich jeder darauf konzentrieren, denn
in der Endkonsequenz geht es um die Initiativen
der nächsten Jahre. Wenn der bestehende
Vorstand nicht wiedergewählt wird, kann es durchaus zu einer Wende in der
Berufspolitik kommen. Momentan betreiben
wir die Kammerarbeit so, dass sich eine
gewisse Kontinuität und Eigenständigkeit
entwickelt hat.
Sie werden sich wieder zur Wahl als
Präsident stellen. Welche Aufgaben stehen
für Sie in Zukunft im Vordergrund?
Am Wichtigsten wird es sein, die Selbstverwaltung
zu erhalten - und zwar so, wie wir
sie jetzt haben. Ob wir das schaffen, wissen
wir nicht, weil die Angriffe gegen sie eminent
sind. Die Selbstverwaltung ist aus meiner
Sicht etwas, das wir unbedingt erhalten müssen
- schließlich geht es um unseren Berufsstand.
Das, was die Politik bis jetzt an der
Auflösung der Selbstverwaltung hindert, ist,
dass sie diese nicht bezahlen kann. Wichtig
ist außerdem, dass wir unsere Weiterbildungsordnung
harmonisieren, besonders in
Bezug auf die Allgemein- und Innere Medizin.
Hier gibt es noch große Probleme.
Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke, dann...
...war für mich der Neubau in der Geschäftsstelle in Cottbus das größte Ereignis.
Und wenn ich auf die kommenden Monate vorausschaue, dann
...erwarte ich leider nichts Gutes. Wir stehen
in einem ständig währenden Kampf, wie
bei der Schaffung der neuen Gebührenordnung.
Es sind diese vielen kleinen Nadelstiche,
die uns immer wieder versetzt werden.
Deswegen würde ich auch sagen, dass
in Zukunft die Erhaltung der Selbstverwaltung
an sich unsere Hauptaufgabe ist.
Mit Dr. Udo Wolter sprach Anja Jüttner [4iMEDIA].