[BÄB 12/2003] Dr. Udo Wolter auf der Jahrestagung des Marburger Bundes
Um die leistungsgerechte Vergütung der
ärztlichen Tätigkeit in Krankenhäusern drehte sich fast alles auf der 104. Jahrestagung
des Marburger Bundes in Berlin. Brandenburgs Landesärztekammerpräsident Dr. Udo
Wolter gab am ersten Tag als MB-Vorstandsmitglied mit seinem Referat eine der Diskussionsgrundlagen.
Nachfolgend einige
der wichtigsten Aussagen und Gedanken aus der Rede von Dr. Wolter, in der er auch
die Kernziele des Marburger Bundes für die Tarifverhandlungen formulierte und erneut
die Abschaffung des BAT-Ost und somit die längst überfällige Angleichung an die Vergütung
im Westen forderte.
Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus. Was sind die Gründe? fragte Dr.
Wolter. Und warum sehen junge Kolleginnen und Kollegen ihre Zukunftschancen nicht
mehr als Krankenhausarzt? Weshalb wechseln sie in alternative Berufsfelder? Weshalb
gehen sie immer öfter ins Ausland? Dr. Wolter führte den in der Literatur geprägten
Begriff "Praxisschock" an (idealistische Berufsvorstellungen einerseits, frustrierende
Realität andererseits) und nannte drei Ursachen für die Ärzteflucht:
-
zu lange Arbeitszeiten (oft sogar überwiegend unbezahlt),
-
zu geringe Gehälter und
-
immer schlechter werdende Arbeitsbedingungen.
Dr. Wolter: "Bei genauer Betrachtung lässt sich unschwer erkennen, dass alle genannten
Faktoren so eng ineinander greifen, dass man sie kaum trennen kann." Sie lassen sich nur
beseitigen, wenn finanzielle Mittel fließen. In England und Skandinavien habe man das etwas
früher erkannt, in Deutschland anscheinend noch nicht.
Dr. Wolter ging auf das neue Arbeitszeitgesetz der Bundesregierung ein. Ein Gesetz, das
nun beim Vermittlungsausschuss liege: "Die Umsetzung dieses Arbeitszeitgesetzes kostet
Geld. Sie kostet im Nachhinein sogar sehr viel Geld, weil die dafür Verantwortlichen
es versäumt haben, das Arbeitszeitgesetz von 1996 richtig umzusetzen. Und die Gewerbeaufsichtsämter, die
dafür zuständig sind, haben das nicht überprüft."
Nun verschärften die Unterlassungen von 1996 die Situation in den deutschen Krankenhäusern. Hinzu komme,
worüber man kaum rede: die Bundespflegesatzverordnung, laut der Tariferhöhungen nicht zu 100 Prozent
refinanziert werden. Sollte man sich in dieser Situation als Marburger Bund nun etwa
schämen, wenn man Tariferhöhungen fordere? ...
...Drei Kriterien für die aktuelle Arztvergütung nannte Dr. Wolter:
- Diagnostik und Therapie,
- die dazu gehörende patientenbezogene Dokumentation und
- die medizinische
Sicherstellung mit Bereitschaftsdiensten, "die unterschiedlich bezahlt werden, die teilweise
mit Freizeit abgegolten werden, aber in keinem Fall bisher als 100 Prozent Überstunden
honoriert werden. Nacht- bzw. Feiertagszuschläge sind regulär nicht festgelegt."
Diese Kriterien, so Wolter weiter, versagten immer mehr, weil die Fallzahl in deutschen
Krankenhäusern seit 1991 um 19 % gestiegen und die Bettenzahl als Bezugsgröße für die
Beschäftigung von Ärzten um 17 % gesunken sei. Die Verweildauer der Patienten habe sich
um 33 % verringert.
Ausführlich ging Dr. Wolter auf die Überbürokratisierung ein: "Bedingt durch das Dokumentationschaos
und die Einführung der DRGs wurden Krankenhäuser langsam aber sicher zu papierverarbeitenden Betrieben."
Chirurgen verbringen - einer Studie vom Juni 2003 zu Folge - schon 2:42 Stunden täglich
mit Dokumentationsaufgaben, Internisten gar 3:15 Stunden! Die Dokumentation sei aber
gar keine originäre ärztliche Aufgabe und folglich nicht in der Grundvergütung des Arztes
berücksichtigt.
Ferner habe der verstärkte Trend zur Spezialisierung in der Krankenbehandlung die Arbeitsintensität
des ärztlichen Personals enorm erhöht - "ohne eine Erhöhung des Grundgehaltes".
Dr. Wolter ging kurz auch auf die Bedrohung der Ärzte durch die "Verrechtlichung
der Medizin außerhalb des Krankenhauses" ein: Bei der erhöhten Arbeitsintensität könne
man wohl fast jedem "Dokumentationsfehler oder Dokumentationsunterlassungen"
nachweisen. Und schließlich habe die Verbesserung in der Diagnostik immer mehr Standardversorgung
in die Bereitschaftsdienste verlegt - natürlich auch ohne Erhöhung des Grundgehaltes.
Die Forderung, die Dr. Wolter für den Marburger Bund aus der unbefriedigenden Situation zog:
"Wir sind als Tarifpartner aufgerufen, dafür zu sorgen, dass die zusätzlichen Erschwernisse wie
Schicht- und Nachtarbeit und die Anzahl der Überstunden 100 % wie in anderen Berufen
finanziert werden. Wir müssen dafür sorgen, dass die erhöhte ärztliche Leistung in den
Krankenhäusern neu bewertet und entsprechend vergütet wird."
Abschließend führte Dr. Udo Wolter sechs Kernziele des Marburger Bundes für die Tarifverhandlungen
auf:
- Das Grundgehalt muss sich an der originären
Einsatzsituation orientieren.
- Bereitschaftsdienst nachts und an Feiertagen
muss mit 100 % Überstunden finanziert
und mit Nacht- und Feiertagszuschlägen
versehen werden.
- Bedingt durch den Facharztstandard als
Voraussetzung für selbstständige ärztliche
Arbeit ist die Qualifikation eines Facharztabschlusses
zusätzlich zum Grundgehalt
zu honorieren.
- Ärzte, die im Team eine höhere Verantwortung
tragen, sind für ihre Dienstmerkmale
zusätzlich zum Grundgehalt zu honorieren.
- Administrative Dokumentation ist keine originäre
ärztliche Aufgabe. Sie muss deshalb
immer zusätzlich honoriert werden.
- 13 Jahre nach der Wiedervereinigung ist
es endlich an der Zeit, gleiche Arbeit auch
gleich zu bezahlen und die Schlechterstellung
der Ärzte im Osten durch Angleichung
(hak)