Gründungsmitglieder erinnern sich...
Dr. med. Roger Kirchner
Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Facharzt für Psychotherapeutische
Medizin, Zusatzbezeichnung Psychoanalyse, niedergelassen in Cottbus, Vorsitzender der
Brandenburgischen Akademie für Tiefepsychologie und analytische Psychotherapie e. V.
- 1990 Mitinitiator einer Gruppe "Kammerbildung"
- September 1990 Wahl zum Vorstandsvorsitzenden der Ärztekammer Land
Brandenburg e. V. und auf der ersten Kammerversammlung der Ärztekammer Land Brandenburg
am 29. September 1990 zum Präsidenten, Wiederwahl für die Wahlperiode 1992 bis 1996
- 1990 bis 1996 Vorsitzender des Ausschusses Psychosoziale Versorgung
- ab 1997 Vorsitzender des Ehrenausschusses der Landesärztekammer als Kammerpräsident
- bis 1996 Mitglied des Vorstandes der Bundesärztekammer und verschiedener Ausschüsse der Bundesärztekammer
Erleben - Vergessen - Erinnern
1. Juni 1999: Eröffnung des 102. Deutschen Ärztetages in der Stadthalle Cottbus; 10
Jahre zuvor forderte ich die Herauslösung der Hausärzte aus den Polikliniken und
bürgernahe ärztliche Versorgung in den Wohngebieten. Auf einer psychiatrischen Tagung
sprach ich zum Thema "Depression als Krise - Krankheit oder Entwicklungschance?"
und mir war bewusst, dass es sich um eine Gesellschaftskrise handelte, der die Chance der
Veränderung immanent war.
Wir wussten, dass vieles sich verändern muss, doch nicht, dass alles anders wird und in
mancher Hinsicht bleibt wie es war. Tausende junger Menschen gingen über Ungarn und die
CSSR in den Westen. Die Leipziger riefen: "Wir sind das Volk!" und dann:
"Wir sind ein Volk!" Christa Wolf sprach am 4. November 1989 in Berlin von den
Wendehälsen - 5 Tage später fiel die Mauer. Im Januar 1990 streikten wir für die
Auflösung und Enteignung der SED. Wir gründeten den Kreisverband des Virchowbundes,
wollten das Gesundheitswesen verändern und die Ärzte wieder
"in-den-Stand-versetzen". So kamen wir zur Standespolitik.
Per Zufall erreichte mich eine Einladung, ein Krankenhaus im Saarland zu besichtigen:
Gleichzeitig war Saarländischer Ärztetag, an dem ich teilnahm, und bei dieser
Gelegenheit informierte mich der Geschäftsführer der Saarländischen Ärztekammer über
die Grundzüge ärztlicher Selbstverwaltung.
Auf der Heimfahrt konzipierte ich im Zug den Aufbau einer Ärztekammer im Land
Brandenburg. 10 Tage später lud ich engagierte Kolleginnen und Kollegen zur Gründung
einer Kammerinitiative ein und innerhalb von 6 Wochen gründeten wir die Ärztekammer Land
Brandenburg e. V. In Zusammenarbeit mit Initiativgruppen aus Brandenburg, Frankfurt/Oder,
Neuruppin und Potsdam, führten wir innerhalb weiterer 8 Wochen in allen Kreisen des
Landes erste Wahlen zur Kammerversammlung durch, so dass sich am 29. September 1990 die
erste Kammerversammlung der Ärztekammer Land Brandenburg in Cottbus konstituierte. In
diesen 5 Monaten war es gelungen, unter Einbeziehung aller Fachgruppen und Regionen in
Brandenburg und mit hilfreicher Unterstützung aus dem Saarland, Berlin, Westfalen und
Nordrhein eine funktionsfähige ärztliche Selbstverwaltung zu errichten. Engagierte
Mitarbeiter des Instituts für Sozialhygiene Cottbus halfen uns beim Aufbau der
Verwaltungsarbeit, und für die ehrenamtlichen Mitstreiter wurde der 16-Stunden-Tag zur
freudvollen Selbstverständlichkeit.
Anfangs war mein Sprechzimmer praktisch die Geschäftsstelle der Ärztekammer, in der wir
die ersten Niederlassungsberatungen gemeinsam mit der Apobank für brandenburgische Ärzte
abhielten.
In relativ kurzer Zeit war es gelungen, die Belange ärztlicher Weiter- und Fortbildung,
Qualitätssicherung, Berufsordnung, Schlichtung und Altersversorgung in Selbstverwaltung
zu regeln.
Enttäuscht blieben aber unsere Erwartungen bis heute, hinreichend Einfluss auf die
Gestaltung der Gesundheitspolitik wie Krankenhausplanung oder Finanzierung medizinischer
Versorgung nehmen zu können. So gesehen haben wir vieles verändert und manches ist doch
beim alten geblieben.
Auf dem 2. Ostdeutschen Kassenärztetag in Leipzig war das Schwanken der Ärzteschaft
zwischen Depression und Aggression, ausgelöst von einer sinnfreien Gesundheitspolitik der
jetzigen Regierung, der sie ohnmächtig gegegenübersteht, nicht zu übersehen.
Der Kassenärztetag in Leipzig erinnerte mich an das Jahr 1989, als wir - ideologischen
Zwängen ausgeliefert - zwischen Depression und Aggression schwankten, uns der Ideologie
verweigerten und uns in den Stand versetzten, kraftvoll zu handeln. Heute ist dies ebenso
notwendig wie 10 Jahre zuvor!