Panoramabild der Kammer

102. Deutscher Ärztetag in Cottbus vom 1. bis 5. Juni 1999

Erstmals wurde ein Deutscher Ärztetag in Cottbus durchgeführt. 250 Delegierte als Vertreter der über 350.000 Ärztinnen und Ärzte in Cottbus.

Nach Sachsen und Thüringen war Brandenburg nunmehr das dritte Bundesland nach der Wiedervereinigung, das als Gastgeber fungieren konnte.

Kammerpräsident Dr. Udo Wolter begrüßte die Gäste in der Stadthalle Cottbus. Das Video "Wanderungen durch die Mark Brandenburg", das eindrucksvoll musikalisch untermalt wurde durch das Fünfte Brandenburgische Konzert D-Dur von Johann Sebastian Bach, der fiktive Dialog von Hermann Fürst von Pückler–Bad Muskau mit Theodor Fontane sowie die Trachtengruppe der Cottbuser Gegend, die nach den Klängen der Brandenburghymne diesen 102. Deutschen Ärztetag in Cottbus eröffneten, sollten allen Gästen einen Eindruck unserer schönen Heimat vermitteln und den ein oder anderen ermuntern, wieder einmal vorbei zu schauen.

Die Rede des Kammerpräsidenten

Dr. Wolter gab einen Überblick zur Entwicklung des medizinischen Vereinswesens in der Region und zur Wahl der ersten Ärztekammer für die Provinz Brandenburg und den Stadtkreis Berlin im Jahre 1887 bis zur Gründung der Ärztekammer Land Brandenburg e. V. am 16. Juni 1990 und der Bestätigung des letzten Gesundheitsministers der DDR vom 30. August 1990, dass diese Berufsvertretung als Körperschaft des öffentlichen Rechts tätig ist.

Ein Wort an die Bundesgesundheitsministerin

In Anwesenheit der Bundesgesundheitsministerin A. Fischer wies er auf spezifische Ostprobleme hin, vor allem darauf, dass die Krankenhausbudgets 1999 an die Veränderungsrate 1998 Bindung der für die Ostländer ein Minuswachstum von 0,48 % bedeutet und durch die zu begrüßende BAT-Gehaltssteigerung von 3,1 % verschärft wird, da durch die Bundespflegesatzverordnung eine Refinanzierung nur zu einem Drittel erfolgt. Gleichermaßen sachlich, aber sehr deutlich wendete er sich an die Ministerin und andere Politiker, sie hätten es sich mit dem Aussetzen der GOÄ-Anpassung zu leicht gemacht, da es nicht allein um die wenigen Privatpatienten, sondern auch die Honorierung des Arbeitsunfall- und Begutachtungswesens geht.

Konsequent wendete er sich gegen einen politischen Missbrauch des Arzt-Patienten-Verhältnisses. Dieses Verhältnis sei ein Garant für ein intaktes Gesundheitswesen.

Er führte weiter aus:

"Nicht hinnehmen können wir den Qualitätsabbau durch Rationierung, Wartelisten für notwendige Operationen und andere Behandlungen. Besonders schlimm wäre es, wenn die Ärzteschaft dazu instrumentalisiert werden sollte, aus Finanzgründen zu entscheiden, wem eine adäquate Behandlung zukommen soll und wem nicht."

Mit einem Dank an die Aufbauhilfen der Kammern Westfalen-Lippe, Nordrhein und Saarland und unter großem abschließendem Beifall wünschte Präsident Dr. Wolter allen ein gutes Gelingen des 102. Deutschen Ärztestages in Cottbus.

Den Charakter eines Medienereignisses erhielt der 102. Deutsche Ärztetag in Cottbus durch die Konfrontation mit der Gesundheitsministerin und die Neuwahl des Präsidenten der Bundesärztekammer. Unmittelbar vor der Eröffnung des Ärztetages hatte Ministerin Fischer in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" (30.05.99) den Ärzten vorgeworfen, die Reform durch "unnötiges Verschreiben von Arzneimitteln" aushebeln zu wollen. Die Ministerin unterstelle, dass Ärzte Gesundheit und Leben ihrer Patienten skrupellos gefährden würden, kritisierte daraufhin die Bundesärztekammer (BÄK) in einer Pressemitteilung. Zusammen mit anderen Ärzteorganisationen verlangte die BÄK eine öffentliche Entschuldigung der Ministerin. Die Wogen der Entrüstung glätteten sich erst, als Ministerin Fischer bei der Eröffnungsveranstaltung des Ärztetages ihr Bedauern darüber kund tat, dass der Eindruck entstanden sei, sie wolle die Ärzteschaft eines unethischen Verhaltens bezichtigen.

Dank an Dr. Wolter für seine Rede:

"Sie hat uns gut getan, ostdeutsche Probleme wurden in kurzer Form vorgebracht, Bedarf zur Deckung von Defiziten formuliert." (Prof. Diettrich, Sachsen).

Neuwahl des Präsidenten der Bundesärztekammer

Mit großer Mehrheit wurde Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe zum neuen Präsidenten der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages gewählt.

Er löste Prof. Dr. Karsten Vilmar ab, der seit 1978 an der Spitze der deutschen Ärzteschaft gestanden hatte. Der Ärztetag würdigte die großen Verdienste Prof. Vilmars und ernannte ihn zum Ehrenpräsidenten der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages.

Auch über die Neubesetzung der beiden Vizepräsidenten wurde auf dem Ärztetag entschieden: Es sind dies die Landesärztekammerpräsidenten Dr. Ursula Auerswald und Dr. Andreas Crusius.

Notwendige medizinische Versorung

Der geplanten Gesundheitsreform 2000 setzte der Ärztetag eigene Vorschläge entgegen. Anstelle eines allein an die Entwicklung der beitragspflichtigen Einnahmen gekoppelten Globalbudgets forderte der 102. Deutsche Ärztetag ein zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern unter Mitwirkung der Politik vereinbartes finanzielles Gesamtvolumen, das epidemiologisch begründet, demographisch bestimmt, am Versorgungsbedarf der Bevölkerung ausgerichtet und dynamisch gestaltet sein muss. Patienten müssten auch in Zukunft die Versorgung erhalten, die medizinisch notwendig sei.

Allmacht der Krankenkassen verhindern

Die von der Regierung geplante nahezu ausschließliche Festlegung des Versorgungsbedarfs durch die Krankenkassen mache aus mündigen Versicherten entmündigte Patienten.
Die den Kassen eingeräumte Möglichkeit, mit Ärztenetzen, Facharztgruppen oder gar einzelnen Ärzten sowie Krankenhäusern gesonderte Versorgungsverträge abzuschließen, zerstöre die gemeinsame Selbstverwaltung von Krankenkassen und Leistungserbringern.
"Die Bundesregierung will allmächtige Krankenkassen. Die Selbstbestimmung der Patienten und ihre freie Arztwahl werden beschnitten. Der Schutz von intimen Gesundheitsdaten wird aufgeweicht. Nicht mehr Patienten und Ärzte entscheiden über die Behandlung, sondern Krankenkassenfunktionäre", so die Kritik des Ärztetages.

Auf Vorschlag des Vorstandes der Landesärztekammer Brandenburg wurde Herr Prof. Dr. habil. Gerhard Schüßling, Frankfurt/Oder, Ehrenpräsident des 102. Deutschen Ärztetages. Tief beeindruckt haben ihn die Meinungsvielfalt und die zum Teil temperamentvoll vorgetragenen Diskussionsreden. Er nahm zum ersten Mal an einem Ärztetag teil. Seine Hoffnung verband sich damit, dass die Beschlüsse nicht auf dem Papier verbleiben, sondern im positiven Sinne für die Ärzteschaft und die Patienten umgesetzt werden.

Die wichtigsten Ergebnisse für brandenburgische Delegierten

Frau Dr. H. Gutschlag, Bergholz-Rehbrücke, die Ablehnung des Referentenentwurfs zur Gesundheitsreform 2000 und die Bestätigung eines Fortbildungszertifikates für die ärztliche Fortbildung.

Frau Dipl.-Med. M. Düren, Strausberg, hat besonders beeindruckt, dass Prof. Hoppe in seinen Arbeitszielen auch den Osten und die Beseitigung der Unterschiede zwischen den neuen und alten Bundesländern nicht vergessen hat zu erwähnen.

Herrn Dr. M. Kalz, Neuruppin, beeindruckten die große Mehrheit, mit der die sogenannte Gesundheitsreform der Bundesregierung abgelehnt wurde und die Neuwahl des Präsidenten der Bundesärztekammer.

Frau Dr. R. Schuster, Neuenhagen, empfand zugleich Delegierte und Gastgeber zu sein, als bewegendes Erlebnis. "Politik und Krankenkassen drängen zunehmend in ein zentralistisches Gesundheitswesen. Wir Ärzte haben dagegen votiert, dass der Arzt als freier Beruf gefährdet und unsere Therapiefreiheit drastisch beschnitten wird."

Herrn Dr. habil. W. Kinze, Lübben, imponierte besonders die kritisch sachliche Analyse des Reformentwurfes, das einhellige Votum der Ärzteschaft für patientenorientiertes Arbeiten, demokratische Selbstverwaltung und Ablehnung der Bürokratisierung medizinischer Versorgung.

Delegierte und Vizepräsidentin Frau E. Köhler, Jüterbog, betonte, dass die brandenburgische Ärzteschaft sehr gern Gastgeber des 102. Deutschen Ärztetages war. Wichtig war für sie die Bestätigung, dass es bei der Finanzierung des Gesundheitswesens einen Ost-Westausgleich geben muss und die Entscheidung für eine freiwillige Fortbildungszertifizierung. 

Dank des Präsidenten der BÄK an Cottbus

In einem Interview des Brandenburgischen Ärzteblattes mit dem neuen Präsidenten der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages, erklärte Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, dass er sehr dankbar dafür sei, mit welcher Freundlichkeit und Offenheit die Menschen in Cottbus und in der Region den Delegierten und den Gästen des Deutschen Ärztetages begegnet sind.

Dafür bedankte er sich auch im Namen von Herrn Prof. Vilmar ganz herzlich. Sein Dank galt auch der Landesärztekammer Brandenburg, die sehr viel dafür getan hat, dass sich die deutsche Ärzteschaft in Cottbus wohl gefühlt hat.

Zitat von Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe:

"Da ich mich vor allem auf die Politik zu konzentrieren hatte, kann ich nur die glaubhaften Berichte wiedergeben, nach denen auch das Rahmenprogramm sehr interessant war.

Ich hatte während der Woche die Gelegenheit, eine Spreewald-Kahnfahrt mitzumachen und war von der abwechslungsreichen Landschaft und dem Biosphärenreservat beeindruckt. Das Klassik-Konzert zum Abschluss des Ärztetages im Spreeauenpark, das ich mit meiner Familie genießen konnte, hat auch meinen Enkeln gefallen."

Er setzte fort:

Ich habe als Präsident und zuvor Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein ein besonderes Verhältnis gerade zu der ärztlichen Selbstverwaltung in Brandenburg.

Die Kammer Nordrhein hatte nach der Wende die Gelegenheit erhalten, gemeinsam mit anderen bei deren Aufbau mithelfen zu dürfen und "wir haben viel dabei gelernt". Es ist ihm heute ein Herzensanliegen, dass die ostdeutschen Kolleginnen und Kollegen, denen im Westen gleich gestellt werden. Das habe er beim Ärztetag deutlich gemacht und dazu stehe er.

Nach Ende des Deutschen Ärztetages zeigte sich Hauptgeschäftsführer Dr. R. Heiber erleichtert über den gelungenen Deutschen Ärztetag in Cottbus sowohl von den politischen als auch den Rahmenveranstaltungen her. Er würdigte die sehr konfliktfreie langwierige Phase der Vorbereitung mit den Verantwortlichen der Bundesärztekammer aus Köln. Zu den erfreulichen Ergebnissen zählte für ihn, dass auch neue berufspolitische Kontakte geknüpft werden konnten, die nun weiter gepflegt werden.

Hinweis: Die Ärztetagsbeschlüsse
  • zur Gesundheitsreform 2000
  • zur Rehabilitation
  • zum Fortbildungsnachweis
  • und weitere Entschließungen
sind bei der Bundesärztekammer erhältlich.

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