Nach Sachsen und Thüringen war Brandenburg nunmehr das dritte Bundesland nach der
Wiedervereinigung, das als Gastgeber fungieren konnte.
Kammerpräsident Dr. Udo Wolter begrüßte die Gäste in der Stadthalle Cottbus.
Das Video "Wanderungen durch die Mark Brandenburg", das eindrucksvoll
musikalisch untermalt wurde durch das Fünfte Brandenburgische Konzert D-Dur von Johann
Sebastian Bach, der fiktive Dialog von Hermann Fürst von PücklerBad Muskau mit
Theodor Fontane sowie die Trachtengruppe der Cottbuser Gegend, die nach den Klängen der
Brandenburghymne diesen 102. Deutschen Ärztetag in Cottbus eröffneten, sollten allen
Gästen einen Eindruck unserer schönen Heimat vermitteln und den ein oder anderen
ermuntern, wieder einmal vorbei zu schauen.
Die Rede des Kammerpräsidenten
Dr. Wolter gab einen Überblick zur Entwicklung des medizinischen Vereinswesens in der Region und
zur Wahl der ersten Ärztekammer für die Provinz Brandenburg und den Stadtkreis Berlin im
Jahre 1887 bis zur Gründung der Ärztekammer Land Brandenburg e. V. am 16. Juni 1990 und
der Bestätigung des letzten Gesundheitsministers der DDR vom 30. August 1990, dass diese
Berufsvertretung als Körperschaft des öffentlichen Rechts tätig ist.
Ein Wort an die Bundesgesundheitsministerin
In Anwesenheit der Bundesgesundheitsministerin A. Fischer wies er auf spezifische Ostprobleme hin, vor allem
darauf, dass die Krankenhausbudgets 1999 an die Veränderungsrate 1998 Bindung der für
die Ostländer ein Minuswachstum von 0,48 % bedeutet und durch die zu begrüßende
BAT-Gehaltssteigerung von 3,1 % verschärft wird, da durch die Bundespflegesatzverordnung
eine Refinanzierung nur zu einem Drittel erfolgt. Gleichermaßen sachlich, aber sehr
deutlich wendete er sich an die Ministerin und andere Politiker, sie hätten es sich mit
dem Aussetzen der GOÄ-Anpassung zu leicht gemacht, da es nicht allein um die wenigen
Privatpatienten, sondern auch die Honorierung des Arbeitsunfall- und Begutachtungswesens
geht.
Konsequent wendete er sich gegen einen politischen Missbrauch des Arzt-Patienten-Verhältnisses. Dieses Verhältnis sei ein Garant für ein intaktes Gesundheitswesen.
Er führte weiter aus:
"Nicht hinnehmen können wir den Qualitätsabbau durch Rationierung, Wartelisten für notwendige Operationen und andere Behandlungen. Besonders schlimm wäre es, wenn die Ärzteschaft dazu instrumentalisiert werden sollte, aus Finanzgründen zu entscheiden, wem eine adäquate Behandlung zukommen soll und wem nicht."
Mit einem Dank an die Aufbauhilfen der Kammern Westfalen-Lippe, Nordrhein und Saarland und
unter großem abschließendem Beifall wünschte Präsident Dr. Wolter allen ein gutes
Gelingen des 102. Deutschen Ärztestages in Cottbus.
Den Charakter eines Medienereignisses erhielt der 102. Deutsche Ärztetag in Cottbus durch
die Konfrontation mit der Gesundheitsministerin und die Neuwahl des Präsidenten der
Bundesärztekammer. Unmittelbar vor der Eröffnung des Ärztetages hatte Ministerin
Fischer in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" (30.05.99) den Ärzten
vorgeworfen, die Reform durch "unnötiges Verschreiben von Arzneimitteln"
aushebeln zu wollen. Die Ministerin unterstelle, dass Ärzte Gesundheit und Leben ihrer
Patienten skrupellos gefährden würden, kritisierte daraufhin die Bundesärztekammer
(BÄK) in einer Pressemitteilung. Zusammen mit anderen Ärzteorganisationen verlangte die
BÄK eine öffentliche Entschuldigung der Ministerin. Die Wogen der Entrüstung glätteten
sich erst, als Ministerin Fischer bei der Eröffnungsveranstaltung des Ärztetages ihr
Bedauern darüber kund tat, dass der Eindruck entstanden sei, sie wolle die Ärzteschaft
eines unethischen Verhaltens bezichtigen.
Dank an Dr. Wolter für seine Rede:
"Sie
hat uns gut getan, ostdeutsche Probleme wurden in kurzer Form vorgebracht, Bedarf zur
Deckung von Defiziten formuliert." (Prof. Diettrich, Sachsen).
Neuwahl des Präsidenten der Bundesärztekammer
Mit großer Mehrheit wurde Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe zum neuen Präsidenten der Bundesärztekammer
und des Deutschen Ärztetages gewählt.
Er löste Prof. Dr. Karsten Vilmar ab, der seit 1978 an der Spitze der deutschen
Ärzteschaft gestanden hatte. Der Ärztetag würdigte die großen Verdienste Prof. Vilmars
und ernannte ihn zum Ehrenpräsidenten der Bundesärztekammer und des Deutschen
Ärztetages.
Auch über die Neubesetzung der beiden Vizepräsidenten wurde auf dem Ärztetag
entschieden: Es sind dies die Landesärztekammerpräsidenten Dr. Ursula Auerswald
und Dr. Andreas Crusius.
Notwendige medizinische Versorung
Der geplanten Gesundheitsreform 2000 setzte der Ärztetag eigene Vorschläge entgegen. Anstelle eines allein an die Entwicklung der beitragspflichtigen Einnahmen gekoppelten Globalbudgets forderte der 102. Deutsche
Ärztetag ein zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern unter Mitwirkung der Politik
vereinbartes finanzielles Gesamtvolumen, das epidemiologisch begründet, demographisch
bestimmt, am Versorgungsbedarf der Bevölkerung ausgerichtet und dynamisch gestaltet sein
muss. Patienten müssten auch in Zukunft die Versorgung erhalten, die medizinisch
notwendig sei.
Allmacht der Krankenkassen verhindern
Die von der Regierung geplante nahezu
ausschließliche Festlegung des Versorgungsbedarfs durch die Krankenkassen mache aus
mündigen Versicherten entmündigte Patienten.
Die den Kassen eingeräumte Möglichkeit, mit Ärztenetzen, Facharztgruppen oder gar
einzelnen Ärzten sowie Krankenhäusern gesonderte Versorgungsverträge abzuschließen,
zerstöre die gemeinsame Selbstverwaltung von Krankenkassen und Leistungserbringern.
"Die Bundesregierung will allmächtige Krankenkassen. Die
Selbstbestimmung der Patienten und ihre freie Arztwahl werden beschnitten. Der Schutz von
intimen Gesundheitsdaten wird aufgeweicht. Nicht mehr Patienten und Ärzte entscheiden
über die Behandlung, sondern Krankenkassenfunktionäre", so die Kritik des
Ärztetages.
Auf Vorschlag des Vorstandes der
Landesärztekammer Brandenburg wurde Herr Prof. Dr. habil. Gerhard Schüßling,
Frankfurt/Oder, Ehrenpräsident des 102. Deutschen Ärztetages. Tief beeindruckt haben ihn
die Meinungsvielfalt und die zum Teil temperamentvoll vorgetragenen Diskussionsreden. Er
nahm zum ersten Mal an einem Ärztetag teil. Seine Hoffnung verband sich damit, dass die
Beschlüsse nicht auf dem Papier verbleiben, sondern im positiven Sinne für die
Ärzteschaft und die Patienten umgesetzt werden.
Die wichtigsten Ergebnisse für brandenburgische Delegierten
Frau Dr. H. Gutschlag,
Bergholz-Rehbrücke, die Ablehnung des Referentenentwurfs zur Gesundheitsreform 2000 und
die Bestätigung eines Fortbildungszertifikates für die ärztliche Fortbildung.
Frau
Dipl.-Med. M. Düren, Strausberg, hat besonders beeindruckt, dass Prof. Hoppe in
seinen Arbeitszielen auch den Osten und die Beseitigung der Unterschiede zwischen den
neuen und alten Bundesländern nicht vergessen hat zu erwähnen.
Herrn Dr. M. Kalz,
Neuruppin, beeindruckten die große Mehrheit, mit der die sogenannte Gesundheitsreform der
Bundesregierung abgelehnt wurde und die Neuwahl des Präsidenten der Bundesärztekammer.
Frau
Dr. R. Schuster, Neuenhagen, empfand zugleich Delegierte und Gastgeber zu sein, als
bewegendes Erlebnis. "Politik und Krankenkassen drängen zunehmend in ein
zentralistisches Gesundheitswesen. Wir Ärzte haben dagegen votiert, dass der Arzt als
freier Beruf gefährdet und unsere Therapiefreiheit drastisch beschnitten wird."
Herrn
Dr. habil. W. Kinze, Lübben, imponierte besonders die kritisch sachliche Analyse des
Reformentwurfes, das einhellige Votum der Ärzteschaft für patientenorientiertes
Arbeiten, demokratische Selbstverwaltung und Ablehnung der Bürokratisierung medizinischer
Versorgung.
Delegierte und Vizepräsidentin Frau E. Köhler, Jüterbog, betonte,
dass die brandenburgische Ärzteschaft sehr gern Gastgeber des 102. Deutschen Ärztetages
war. Wichtig war für sie die Bestätigung, dass es bei der Finanzierung des
Gesundheitswesens einen Ost-Westausgleich geben muss und die Entscheidung für eine
freiwillige Fortbildungszertifizierung.
Dank des Präsidenten der BÄK an Cottbus
In einem Interview des
Brandenburgischen Ärzteblattes mit dem neuen Präsidenten der Bundesärztekammer
und des Deutschen Ärztetages, erklärte Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, dass er sehr
dankbar dafür sei, mit welcher Freundlichkeit und Offenheit die Menschen in Cottbus und
in der Region den Delegierten und den Gästen des Deutschen Ärztetages begegnet sind.
Dafür bedankte er sich auch im Namen von Herrn Prof. Vilmar ganz herzlich. Sein Dank galt
auch der Landesärztekammer Brandenburg, die sehr viel dafür getan hat, dass sich die
deutsche Ärzteschaft in Cottbus wohl gefühlt hat.
Zitat von Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe:
"Da ich mich vor allem
auf die Politik zu konzentrieren hatte, kann ich nur die glaubhaften Berichte wiedergeben,
nach denen auch das Rahmenprogramm sehr interessant war.
Ich hatte während der Woche die Gelegenheit, eine Spreewald-Kahnfahrt mitzumachen und war von der abwechslungsreichen
Landschaft und dem Biosphärenreservat beeindruckt. Das Klassik-Konzert zum Abschluss des
Ärztetages im Spreeauenpark, das ich mit meiner Familie genießen konnte, hat auch meinen
Enkeln gefallen."
Er setzte fort:
Ich habe als Präsident und zuvor Vizepräsident der
Ärztekammer Nordrhein ein besonderes Verhältnis gerade zu der ärztlichen
Selbstverwaltung in Brandenburg.
Die Kammer Nordrhein hatte nach der Wende die
Gelegenheit erhalten, gemeinsam mit anderen bei deren Aufbau mithelfen zu dürfen und
"wir haben viel dabei gelernt". Es ist ihm heute ein Herzensanliegen, dass die
ostdeutschen Kolleginnen und Kollegen, denen im Westen gleich gestellt werden. Das habe er
beim Ärztetag deutlich gemacht und dazu stehe er.
Nach Ende des Deutschen Ärztetages zeigte sich Hauptgeschäftsführer Dr. R. Heiber
erleichtert über den gelungenen Deutschen Ärztetag in Cottbus sowohl von den politischen
als auch den Rahmenveranstaltungen her. Er würdigte die sehr konfliktfreie langwierige
Phase der Vorbereitung mit den Verantwortlichen der Bundesärztekammer aus Köln. Zu den
erfreulichen Ergebnissen zählte für ihn, dass auch neue berufspolitische Kontakte
geknüpft werden konnten, die nun weiter gepflegt werden.
Hinweis: Die Ärztetagsbeschlüsse
- zur Gesundheitsreform 2000
- zur Rehabilitation
- zum Fortbildungsnachweis
- und weitere Entschließungen
sind bei der Bundesärztekammer erhältlich.